Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (18).

Achtzehnte Predigt.

Eilfte Lagerstätte: die Wüste Sinai. Fortsetzung.

2. Buch Mosis 34,8.9.

Wenn Hiob Kap. 13,15 sagt: wenn er mich tödten wollte, sollte ich nicht auf ihn hoffen? so ist das gewiß eine bewundernswürdige Rede, wir mögen sie als die Sprache der Ergebung betrachten oder als die des Vertrauens.

Wenn der große Dulder sagt: wenn er mich tödten wollte – so drückt er damit eine Uebergebung ohne allen Vorbehalt aus in alles, was der Herr weiter über ihn zu verfügen für gut finden möchte. Und dies kann nur derjenige für etwas Leichtes achten, der’s nicht begreift. Armer Hiob, möchte man sagen, du redest wohl. Aber wo willst du die Kraft hernehmen, wenn es zur wirklichen Ausübung kommen sollte?

Doch er setzt hinzu: sollte ich nicht auf ihn hoffen? Er fragt: was sollte mich bewegen, meine Hoffnung auf ihn fahren zu lassen? Die Größe, die Heftigkeit, die Dauer meiner Leiden? Sie nöthigen mich ja um so mehr dazu, da sie mir jegliche sonstige Stütze wegreissen. Ein Schiffmann kann Anker und Mast kappen, und Gold und Silber über Bord werfen, um sich zu retten; aber den Compaß wird er nicht den Wellen preißgeben, sondern ihn behaupten, so lange er kann. Und sollte das Wasser mir bis an die Seele dringen, und die Fluth über mein Haupt hergehen: sollte ich nicht hoffen auf Den, der alles stillen kann? Sollte es meine Sünde thun? Ach! er wolle ja nicht Acht haben auf meine Sünde, Kap. 14,6. Habe ich gesündiget, was soll ich dir thun, o du Menschenhüter? Kap. 7,20. Aber nöthigt sie mich nicht, um so mehr auf seine Barmherzigkeit zu hoffen, je weniger ich ein Verdienst habe, und mich um so fester an den zu klammern, der mir zur Gerechtigkeit gemacht ist, je weniger ich eine eigene an mir entdecke, und um so mehr auf sein vollgültiges Opfer zu kompromittiren, je weniger ich selbst was gut machen kann? Soll ich denn nicht seine Gnade für größer achten als meine Sünde, sollte es auch mit großem Kampf geschehen? Sollte ich nicht auf ihn hoffen? Soll meine Armuth mich dazu bewegen, die mich für seinen Reichthum nur um so bedürftiger macht, und mich nöthigt, seine königliche Mildthätigkeit so viel dringender in Anspruch zu nehmen? oder meine Krankheit? Nöthigt sie mich nicht um so mehr, zu dem Arzt zu flüchten, der mich einladet zu kommen – je tödtlicher und unheilbarer sie ist? Soll’s mein Unglaube thun? Aber wer soll mich glauben lehren, wenn er’s nicht thut? – oder meine Ohnmacht und weiteres Elend, da ich ihn eben deswegen um so mehr bedarf? Nein, ich hoffe, ich hoffe auf ihn. Worauf soll ich’s sonst?

So dringt er um so mehr auf den Herrn los, je mehr ihn davon zurückscheuchen will.

So machte es auch Moses, wie wir jetzt näher zu sehen mit des Herrn Hülfe gesonnen sind.

Wir haben die Ereignisse in der Wüste und am Berge Sinai, unter einem doppelten Gesichtspunkt gefaßt, - erst ihre Sünde, dann ihre Begnadigung durch die Vermittelung Mosis: Laßt uns denn jetzt die letztere in Erwägung zieh’n, nachdem wir über die erstere noch einige Anmerkungen gemacht haben.

Die Kinder Israel versündigen sich an Gott durch ein goldenes Kalb, mit welchem sie Abgötterei treiben. Es soll aber ein jeder anerkennen, welches dies Kalb – welches das Irdische, Sinnliche, Thierische oder gar Viehische sei, womit er seines Orts etwa Abgötterei treibt. Niemand meine so leicht, dies gehe ihn nicht an; denn mag es ihn etwa auch wirklich im groben Sinne nicht angehen: so mag er wohl zusehen, ob er nicht in einem subtilern Sinne desto tiefer und gefährlicher in der Abgötterei steckt. Was die grobe Abgötterei betrifft, wie sie bei den Heiden statt findet, so sind wir dazu freilich zu aufgeklärt, wie es die Muhamedaner und Juden auch sind, und unter den ehmaligen Götzendienern es auch mehrere waren. – Mag das auch etwas Seltenes sein, daß jemand den Unsinn behauptete: es sei gar kein Gott, da das Gegentheil der menschlichen Natur viel zu tief eingeprägt ist: so ist’s dagegen desto häufiger, daß viele Menschen sich also benehmen, als wäre kein Gott, kein Gericht, keine Ewigkeit. Wenn sie das einigermaßen für ausgemacht hielten, so würden sie auch anders leben; denn ein Glaube, ein Fürwahrhalten, ohne Einfluß auf das Gemüth des Menschen, ist von keinem Werth und dem Leugnen gleich. Was kann es – um nur eins nahmhaft zu machen – helfen, wenn jemand mit dem Munde eine göttliche Vorsehung bekennt, aber so sorgt und sich so grämt und benimmt, als wäre alles Zufall, oder als hinge alles von ihm selbst und den Umständen ab? – Die Schrift redet aber auch von einer andern Abgötterei als der groben heidnischen! Sie spricht von Menschen, welche den Bauch zu ihrem Gott machen, dem sie dienen, und denen dasjenige für das Höchste gilt, was den Sinnen schmeichelt und ihre Lüste befriedigt. Ihre Kleidung, ihre Wohnung, ihre Tafel, ihr Hausrath, ihr Umgang, ist blos auf Sinnenlust berechnet; ihr Sinnen, Dichten und Trachten bezweckt dieses Ziel, sich gute Tage zu machen. Aber – sagt der Apostel – ihr Ende ist die Verdammniß. Schreckliches, nicht geglaubtes Ende! das haben sie also endlich davon, und bringen sich, wie der reiche Mann, endlich in die Hölle und in die Quaal. Sie sollten lieber in’s Trauerhaus geh’n, als in’s Trinkhaus, lieber elend werden und weinen. Aber sie wollen sich nicht rathen lassen, und ihr Bauchdienst gefällt ihnen so gut, daß sie demselben Seele und Seligkeit aufopfern, wie die Kinder Israel ihr Gold. Jammervolle Gesinnung! – Die Heilige Schrift nennt auch den Geiz Abgötterei. Wer also geizig, habsüchtig ist, der ist der Abgötterei schuldig. Und diese Art von Abgötterei wird ins besondere in der handelnden Welt getrieben, welche es schon ihrer Natur nach mit sich bringt, nach Gewinn zu haschen, da die andern Stände mehr auf ein Bestimmtes beschränkt sind, wogegen sich jenen die ganze Welt öffnet. Und sind nicht in unsern Tagen viele reiche Handlungshäuser eben durch ihre unermeßlichen Begierden gefallen, und haben über dem Streben, das zu erlangen, was sie nicht hatten, auch das eingebüßt, was sie besaßen? Und was für Kniffe und Schliche, was für Ränke und Täuschereien mögen nicht für erlaubte Mittel, für Klugheit gelten! Wohin werden sie aber manchen, entweder für seine eigene Person, oder für seine Nachkommen schon in dieser Welt bringen? Daß er sie durch seine Unredlichkeit an den Bettelstab lügt und täuscht, und hernach für seinen Götzendienst auch noch die Hölle zum Lohn empfängt. So lange übrigens du, der zween Röcke hat, dem nicht einen mitgeben kannst, der keinen hat, wirst du dich nicht für rein vom Götzendienst des Geizes halten dürfen, und wissen müssen, daß ein Geiziger so wenig das Reich Gottes erbt, als die Todtschläger, Lästerer, Hurer, Trunkenbolde und dergleichen. – Auch machen die Menschen sich selbst zu ihrem Gott, das heißt, sie lieben sich selbst über Alles und mehr als Gott, sie machen sich selbst, ihren eigenen Willen, ihr eignes Vergnügen, ihren eigenen Vortheil und eigene Ehre zu ihrem letzten Zweck, dem sie alles andere unterordnen, um deswillen sie, wenn es darauf ankommt, alles aufopfern, sogar Gott und seine Gemeinschaft selbst, verhalten sich also in Absicht auf sich selbst so, wie es nur allein in Absicht auf Gott zu handeln erlaubt und Pflicht ist. Judas opferte Jesum seinem Privatvortheil; die Königin Athalia tödtet, nach 2 Könige 11, alle königlichen Kinder, um selbst zu herrschen; Herodes will Jesum gleich nach seiner Geburt umbringen, um seinen eigenen Thron zu befestigen, und tödtet später seine eigenen Söhne zu dem nemlichen Zweck. So macht der Mensch sich selbst statt Gottes zum letzten Endzweck seines Thuns, kehrt es also ganz um. Eben so vertraut er auch auf sich selbst. Ein Sanherib meint, er habe alle seine Kriegsthaten durch sich selbst ausgerichtet, und andere hielten ihn auch für einen großen Feldherrn, ohne höher hinauf zu schauen, wie man noch zu thun pflegt. Wie übel nimmt aber der Herr diesen Selbstruhm diesem Manne, obschon er ein Heide war. Kaum spricht Nebukadnezar. das ist das große Babel, das ich durch meine große Kraft zu meiner Herrlichkeit erbaut habe: so wird er wie ein Vieh; und als Herodes mit Wohlgefallen den Zuruf des Volks vernimmt, das ist die Stimme Gottes und nicht eines Menschen, kriegt er einen Schlag in den Leib, woran er bald elendiglich und unter unsäglichen Schmerzen seinen Geist aufgiebt; und in neuern Zeiten stirbt ein Engländer unter den mörderischen Händen der nemlichen Wilden, deren Einfalt er dazu mißbraucht hatte, sich von ihnen für einen Gott halten zu lassen. Tyrus wird eben darum durch göttliche Fügung zerstört, weil sich sein Herz erhebt und es spricht: ich bin klug. Jegliches Vertrauen, was der Mensch auf sich selbst setzt, ist nichts, als eine subtile Abgötterei, die nicht weniger strafbar ist, als die grobe. Und so ist auch ohne goldene Kälber und Götzenbilder, die Abgötterei in der Welt noch immer sehr groß und gemein. Selbst die gewöhnliche Redensart deutet dies an, denn sagt man nicht wol: der mache sich daraus einen Gott – das ist sein Götze, das heißt, er hängt sehr daran und setzt einen ungemeinen Werth darauf. Und was ist’s oft, das den Götzen eines Menschen ausmacht? Oft ist’s lächerlich, oft schändlich und immer sündlich. Augenlust ist es, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen, was den dreiköpfigen Götzen der Menschen ausmacht; die Welt ist es, die sie umtanzen, wie die Kinder Israel ihr Kalb. –

Aber der Mensch will sich seine Sünde nicht aufdecken lassen, weil er sie lieb hat und sie nicht ablegen will. Er sucht allerlei Ausflüchte und Entschuldigungen. So sehen wir’s an Adam. Statt seine Sünde einzugestehen, wie Gott es ihm doch durch die Frage so nahe legte. hast du nicht gegessen von dem Baume, davon ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? wich er erst aus, als ob blos seine Nacktheit ihn bewogen habe, sich aus Schamhaftigkeit bei Seite zu machen, und als dies nicht genügen wollte, war er schamlos genug, die Schuld auf seinen Schöpfer selbst zurückzuschieben und zu sagen: das Weib ist an allem Schuld, das du mir zugesellet hast, und so wollte er schuldlos ausgehen, nicht aber seine Schuld bekennen. Wer aber seine Missethat leugnet, dem wird’s nicht gelingen. So wir nun unsere Sünde bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünde vergibt und reiniget uns von aller Untugend. – Welche Umschweife mußt Nathan machen, und wie klug mußte er’s einrichten, um dem König David seine begangenen schweren Sünden aufzudecken und ihn zur bußfertigen Anerkennung derselben zu leiten, wie er auch selber bekennt, er habe es wollen verschweigen, obschon seine Gebeine darüber verschmachtete seien, wie wenn es im Sommer dürre wird. Sobald aber sein Gemüth dahin gekommen, sagen zu können: ich will dem Herrn meine Uebertretung bekennen, da habe er ihm auch die Schuld seiner Uebertretung verziehen. – So sucht auch Aaron Ausflüchte, als Moses ihm Vorwürfe macht und ihn fragt: was hat dir denn das Volk gethan, daß du diese große Sünde über dasselbe gebracht hast? Statt sich vor Gott zu demüthigen, kriecht er vor seinem Bruder und nennt ihn seinen Herrn: mein Herr, spricht er, lasse seinen Zorn nicht ergrimmen, denn du weissest, daß das Volk böse ist. – Aber das ist ja so gut wie nichts gesagt. Weil das Volk böse ist: so mußte ich ihm in seiner Bosheit willfahren – was ist das für eine Art zu schließen? Auf die Weise müßten auch diejenigen, die das Böse hemmen können, ihm nur den Lauf lassen, weil die Menschen dazu geneigt sind. Sollte das gelten: so thäten Gott und die Obrigkeit nicht wohl daran, daß sie Mord und Diebstahl verbieten und strafen. Aber liegt nicht in allen Entschuldigungen lauter Unvernunft, da man sich nur von dem Ziel entfernt, das man erreichen will? Erkenne deine Missethat, ist die erste Forderung an uns, und die Zusicherung: ich bin barmherzig und will nicht ewiglich zürnen, eine kräftige Ermunterung zu diesem Verhalten. Statt aber diesen Weg einzuschlagen, spricht man: ich meine es doch so übel nicht, andere sind viel schlimmer, ich sage auch nicht, daß ich mich nicht noch einmal bessern und bekehren will, wenn es mir gleich jetzt noch nicht gelegen kommt, ich thue doch auch noch manches Gute, dessen ich mich jedoch nicht rühmen will, und Fehler wird wol jeder noch an sich haben und behalten, und was dergleichen Weigerungen mehr sind, die doch im Grunde betrachtet, nichts anders sagen, als: mein, meine Sünde erkennen und mich bekehren, mag ich nicht. Kann aber jemand wol eine unseligere Gesinnung haben, wie die? – Aaron thut auch ziemlich unschuldig. Ich forderte ihnen ihr Gold ab, sagt er, warf’s in’s Feuer, daraus ist das Kalb worden, da es doch vorher heißt: er entwarf’s mit einem Griffel und machte ein Kalb draus. – Ach, wol hat Gott Recht, dem Volke zu sagen: du kommst nicht hinein, das Land einzunehmen um deiner Gerechtigkeit und deines aufrichtigen Herzens willen. So wisse nun, daß der Herr, dein Gott, dir nicht um deiner Gerechtigkeit willen gibt das gute Land einzunehmen, sintemal du ein halsstarrig Volk bist. Wohl hat Jesus viel Ursache, die Menschen ein krummes und verdrehtes Geschlecht zu schelten – und David, zu beten: wende von mir den falschen Weg, und gönne mir dein Gesetz. Wer es begreift, wie viel ein reines, aufrichtiges Herz zu bedeuten hat, der wird Bedenken tragen, sich desselben so leichtlich zu rühmen, und sich erinnern, daß Salomo die menschliche Natur im Ganzen, als ränkvoll darstellt, und daß es Christen sind, welche Petrus auch zur Ablegung aller Heucheleien, wie sonstiger Unarten auffordert. Ein einfältiges Auge macht den ganzen Leib licht, ein Schalksauge aber finster. Etwas Großes, aber auch etwas Nothwendiges ist es, ohne Falsch und lauterlich auf Gott gerichtet zu sein; den Aufrichtigen läßt er’s gelingen. So wie aber Er es ist, der nach Psalm 99. Frömmigkeit giebt: so ist er’s auch, der Aufrichtigkeit, der Gerechtigkeit und Gericht in Jakob schafft. Davon war David so sehr überzeugt, daß er Psalm 139. mit großem Drange betet: erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz, prüfe mich und erfahre wie ich’s meine – denn, sagt Gott, beim Jeremias: arglistig und betrüglich ist des Menschen Herz mehr, denn ein einiges Ding. Schaffe du, o Gott, in mir ein reines Herz, und gieb mir einen neuen, gewissen Geist! –

Moses nun hatte es als Mittler des alten Bundes übernommen, den Versuch zu machen, ob er die Missethat des Volkes versöhnen möge. Dies fand große Schwierigkeit, aber er ließ nicht nach, bis er eine völlige Begnadigung ausgewirkt hatte. Zuerst fiel er auf sein Angesicht nieder und blieb unglaublicher Weise also 40 Tage und eben so viel Nächte vor dem Herrn liegen, ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Eine lange und ernstliche Buße fürwahr, die er für die Sünde des Volks that; denn ich fürchtete mich, sagt er, 5 B. Mos. 9,19, vor dem Zorn und Grimm des Herrn, der über euch und über Aaron ergrimmt war, daß er euch vertilgen wollte. Moses that das aus Drang einer unaussprechlichen Liebe zu seinem Volke, die Gott in ihm entzündet hatte, und die so weit ging: daß er betete und sprach: Ach! das Volk hat eine große Sünde gethan und sich goldene Götter gemacht, nun vergib ihnen ihre Sünde, oder tilge lieber meinen Namen aus deinem Buche, das du geschrieben hast. Jesus sagte zu seinen Jüngern: freuet euch, daß euere Namen im Himmel angeschrieben sind – und Moses glaubte mit Recht, daß er sich deß auch für seine Person freuen könne; dies war auch der Grund seiner Seligkeit. Und doch geht seine Liebe so weit, daß er um des Volkes willen sogar auf seine Seligkeit Verzicht thun will. Von einer solchen Liebe haben wir nur noch Ein Beispiel an einem bloßen Menschen, nemlich an Paulo, der auch nach Röm. 9,3. gewünscht hätte, von Christo verbannt zu sein, für seine Brüder nach dem Fleisch, nemlich die Juden. – Eine unglaubliche Liebe, die in ihrer Aufopferung so weit gehen kann, andere nicht nur zu lieben wie sich selbst, und das in einem solchen Maße, seine Seele und Seligkeit für andere zu wagen. Wir lassen uns auf die vernünftige oder fleischliche Auslegungen und Einschränkungen der Gelehrten und ihre Untersuchung, ob dies recht sei oder nicht, nicht ein. Genug, Moses unter dem alten, und Paulus unter dem neuen Testamente hatten eine solche ungemeine Liebe, eine Flamme des Herrn, welche viele Wasser nicht mochten auslöschen, noch die Ströme sie ersäufen. Thun wir zuviel, sagt Paulus 2 Kor. 5, oder eigentlich, sind wir unsinnig, so sind wir’s, Gott, sind wir aber mäßig, so sind wir’s euch. Wollten wir unsere armselige Liebe, wollten wir unser bisgen Glauben, unsere geringe Erfahrung zu der Gränze machen, über welche hinaus es auch bei andern nicht gehen könne oder dürfe, so würden wir ja sehr anmaßender scheinen. Doch wurde Beider Anerbieten zurückgewiesen und Mosi geantwortet: was? ich will den aus meinem Buche tilgen, der an mir sündigt. Das geltende Opfer zu bringen war einem andern vorbehalten. Wer denkt nicht an den 40tägigen Aufenthalt Christi in der Wüste, wer nicht an sein Niederfallen auf sein Angesicht, seine Thränen, sein starkes Geschrei, seine Angst, sein Zittern und Zagen; wer nicht an seine wundervolle Aufopferung während der dreistündigen Finsterniß und Verlassung am Kreuz, wo er sich ganz und gar, nach Leib und Seele, für Zeit und Ewigkeit, und fest entschlossen, lieber selbst aus dem Buche des Lebens getilgt zu werden, als Eins seiner Schafe umkommen zu lassen, an die Gerechtigkeit Gottes für sie hingab, und sich in des Todes Staub legen ließ, in welchem Opfer vollendet sind alle, die geheiligt werden. Ja, er ließ sich zur Sünde machen, damit wir in ihm würden Gerechtigkeit Gottes.

Moses richtete durch seinen ersten Versöhnungsversuch wol etwas, aber doch nur wenig aus. Gott thut noch sehr fremd und ernst. Zwar gibt er zu erkennen, er werde, seines Eides eingedenk, ihnen das verheißene gute Land geben, redet aber von dem Volke als einem solchen, das nicht Er, sondern Moses aus Egypten geführt habe, läßt selbst merken, als wohne ihm ein innerlicher, verhaltener Grimm bei, der jeden Augenblick zum Verderben des halsstarrigen Volkes losbrechen könne; deßhalb wolle er ein weniger heiliges Wesen als er sei – einen erschaffenen Engel, ihnen zum Führer geben. Dieses Fremdthun, wobei keine innige Gemeinschaft stattfindet, ist ganz alttestamentlichen Verfassung angemessen. Aber so steht auch eine jegliche Seele noch so fremd gegen Gott, zwischen Hoffnung und Furcht, die noch nicht zur völligen Entsagung ihrer selbst und der Welt, noch nicht zu einem völligen Glauben und zu einem lichtvollen Durchschauen in die vollkommene Versöhnung gelangt ist, und wie sie das eine Mal sich der Barmherzigkeit getröstet: so erschreckt sie das andere Mal die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes und besorgt, es möchte auch über sie früher oder später ein verhaltener Grimm losbrechen. Daraus entspringt ein ängstliches Christenthum, dem der Apostel ein freudiges Hinzutreten zum Gnadenthron entgegenstellt, welches aus der Erkenntniß der durch Christum gestifteten vollkommenen Versöhnung entspringt. Eine kostbare Erkenntniß, die uns aber nur der Heilige Geist mittheilen kann, der es von dem, was Christi ist, nimmt, um es uns zu verkündigen, eine Erkenntniß, die denjenigen, der sie besetzt, nicht unfruchtbar sein läßt, wie sie ihm einen Frieden mittheilt, welcher höher ist als alle Vernunft, eine Erkenntniß, wornach ein jeder Heilsbegierige sich mit Recht innigst sehnt, und die nur den gründlich Gedemühtigten mitgetheilt wird. – Gott stellte sich auch so fremd, nicht in der Absicht, Mosen zurückzuschrecken, sondern vielmehr, theils diese Demüthigung zu bewirken; denn mochte er auch 40 Tage und 40 Nächte auf seinem Angesichte vor Gott gelegen haben, so galt das alles doch nichts zur Versöhnung des strafbaren Volkes, es mußte noch ganz was anderes sein und geschehen, wenn’s ganz gut werden sollte; theils sollte Moses diese Demüthigung auch auf’s Volk überführen, theils aber und insbesondere desto kräftiger an das Herz Gottes dringen. Dies Alles geschah denn auch. Moses mußte dem Volke im Namen Gottes sagen: du bist ein halsstarriges Volk. Ich werde einmal plötzlich über dich kommen und dich vertilgen. Und nun lege deinen Schmuck von dir, daß ich wisse, was ich dir thun soll. Das Volk gehorchte. Zugleich nahm Moses die Stiftshütte aus dem Lager weg, und richtete sie anderswo auf, als die nicht werth waren, daß Gott unter ihnen wohnte. Auch war die Wolken- und Feuersäule nicht über ihnen, sondern draußen über der Stiftshütte. Dies werden ängstliche Tage der Buße und der Erwartung dessen, was da kommen sollte, gewesen sein; da wird kein Mensch an Tanz und Spiel gedacht haben, sondern eher an Seufzen und Weinen. Da mögen sie wol kaum Lust gehabt haben, zu essen und zu trinken. Wie werden sie ihren Abfall von Gott, ihre Ruchlosigkeit, ihre Unvernunft, beseufzt, beweint, beklagt und die ernstlichsten Vorsätze gefaßt haben, Gott nie wieder zu beleidigen. Sehet da, die Aeußerungen der Buße! So muß das Herz zerknirscht und gedemüthigt werden, so muß es seine Unwürdigkeit und Strafbarkeit mit Schmerz erkennen. Wißt ihr aus Erfahrung um diese Buße? Ihr solltet es aber. – Ging Moses in die Stiftshütte, so sah ihm das Volk nach und die Wolkensäule in der Hütten-Thür stehen, wo der Herr mit Mose redete, wie ein Freund mit dem andern. Alsdann neigte sich ein jeder in seiner Hütten Thür und flehete um Gnade, deren sie an Mosi ein so erhabenes Exempel sahen. Und dies Gebet wird von den Bußfertigen eifrig geübt. Siehe, er betet, hieß es von Paulo, und der Herr nannte dies, als ein deutliches Merkmal seiner Sinnesänderung.

So zweifelhaft standen die Sachen eine Zeitlang, und das Volk wußte nicht, ob Gott nach dem Recht oder nach Gnade mit ihnen verfahren wollte. Ihr Mittler aber benutzte das innige Verhältniß, worin er zu Gott stand, zu ihren Gunsten, und beklagte sich darüber, daß er das Volk hinaufführen solle und nicht wisse, wen der Herr mit ihm senden wolle, da er doch gesagt: ich kenne dich mit Namen und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden. habe ich denn Gnade funden, so laß mich deinen Weg wissen, daß ich dich kenne und Gnade finde vor deinen Augen, und siehe doch, daß dies Volk dein Volk ist, 2 Buch Mos. 33. Man kann sich denken, mit welcher Inbrunst, mit welchem Drange des Gemüthes Moses also flehete, und vielleicht sein Gebet mit vielen Seufzern und Thränen begleitete. So klagt die Kirche Jes. 64.: deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen uns, wie es jenes kananäische Weiblein erfuhr, welche einen dreimaligen, gewaltigen Anlauf auf das Erbarmen Christi thun mußte, ehe sein Herz gegen sie brach; und Jakob mußte die ganze Nacht hindurch mit Gebet und Thränen um den Segen ringen, ehe er ihn bekam. Es kann wol eine Zeitlang, es kann sogar wol eine lange Zeit also scheinen, als ob alles vergeblich wäre, und Gott seine Barmherzigkeit vor großem Zorn verschlossen. – Die Nacht kann wol immer schwärzer und ängstlicher werden, bevor die freundliche Morgenröthe anbricht, wo der Ringer erst nach verrenkter Hüfte geliebkoset wird. So leicht und gemächlich geht’s wahrlich nicht her, sein eignes Leben zu verlieren, um Christi Leben zu finden.

Moses bekam eine angenehme Antwort, welche er augenblicklich zu seinem Vortheil deutete und ergriff. hatte Gott früher erklärt, er wolle ihm einen bloßen Engel mitgeben, welches allen als eine schlimme Nachricht vorkam, so sagte Gott nun: mein Angesicht soll gehen, damit will ich dich leiten. Der Herr unterscheidet hier sein Angesicht von sich selbst, weil in dem göttlichen Wesen eine Mehrheit ist. Dies Angesicht Gottes ist sein Sohn, dieser Abglanz seiner Herrlichkeit und das ausgedrückte Ebenbild seines Wesens, den der Herr alle seine Güte und seine Herrlichkeit nennt. Dies ergriff Moses mit beiden Händen und sprach: wo nicht dein Angesicht gehet, so führe uns nicht von dannen hinauf; wie soll doch anders erkannt werden, daß ich und dein Volk Gnade vor dir gefunden haben, auf daß ich und dein Volk gerühmet werden vor allen andern Völkern auf Erden? Er bekam zur Antwort: was du jetzt redest, will ich auch thun, denn du hast Gnade vor meinen Augen funden und ich kenne dich mit Namen. Es ging Mosi jetzt wie geschrieben steht: so ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten was ihr wollet und es soll euch wiederfahren. Alles was ihr bittet in eurem Gebete, glaubet nur, so wird’s euch werden. Es ging hier nach dem erstaunlichen Worte, das wir vom Josua lesen: und Gott gehorchte der Stimme eines Mannes. Es kann Zeiten geben, wo der Glaube Gott gleichsam in seiner Gewalt hat, und gewiß ist, daß er alles empfangen wird, was er sich erbittet, wo Er thut, was die Gottesfürchtigen begehren und ihr Herz gewiß ist, daß sein Ohr darauf merket. Wie unglaublich herablaßend kann doch der Herr gegen eine gehörig vorbereitete Seele sein! Wie viel vermag des Gerechten Gebet, wenn es ernstlich, wenn es eingewirket ist. –

Moses Herz war weit wie Sand am Meer und seine geistliche Begierden ausgebreitet, wie dessen Wellen, dannenhero betete er weiter und sprach: so laß mich deine Herrlichkeit sehen. Wunderbare Bitte! Du kannst ja bei der jetzigen Beschaffenheit deiner Augen nicht einmal die Herrlichkeit der Sonne ansehen, wie wolltest du denn die Herrlichkeit des Schöpfers selbst anschauen können? Aber so ist die Beschaffenheit der neuen Creatur, die durch die Wiedergeburt in den Auserwählten gewirkt ist. Sie ist aus Gott und durstet und strebt nach Gott und kann nicht eher ruhn, bis sie ihn ganz und vollkommen besitzt und genießt. Alle Verbergungen und Mittheilungen, alles Nahen und Entfernen vom Herzen, alles Trösten und Betrüben, feuert die Sehnsucht nur noch mehr an: ach! wann werde ich dahin kommen, daß ich dein Angesicht schaue? Habt ihr den nicht gesehen, den meine Seele liebt? Sagt ihm, ich sei krank vor Liebe. Diese neue Creatur ist, nach Pauli Ausdruck, als in Geburtsschmerzen sich sehnend nach der Kindschaft und ihres Leibes Erlösung. So unersättlich die Natur nach Weltlichem, so strebt die neue Natur nach dem Göttlichen.

Merket ihr dies denn auch bei euch selbst, dies Sehnen, dies Dursten nach Gott und seiner völligen Gemeinschaft? Oder sind euch dies fremde und befremdende Dinge? Ist das auch euer Sehnen: wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? euer Sehnen, daß Gott euch Kraft gebe nach dem Reichthum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen? Ist es das? sorgt dann nicht für’s satt werden, denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden laßen. – Denn selig sind, die da hungert und durstet nach der Gerechtigkeit, sie sollen satt werden. Du hast gesagt: ihr sollt mein Angesicht suchen; darum such ich, o Herr, dein Angesicht. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir. Amen.